Ob eine Website duzt oder siezt, entscheidet vor allem, wie das Unternehmen im Erstgespräch spricht – beides funktioniert, solange es konsequent durchgehalten wird. Häufiger als die falsche Wahl ist die Inkonsequenz: Formularfelder, automatische E-Mails, Cookie-Banner und Fehlerseiten bleiben bei Umstellungen fast immer in der alten Ansprache.
Du oder Sie? Ansprache und Tonalität auf der Website
Das Wichtigste in Kürze
- Die beste Probe: Schreib so, wie du im Erstgespräch sprichst.
- Automatische Bestätigungsmails sind die folgenreichste vergessene Stelle – sie greifen im Entscheidungsmoment.
- Passivkonstruktionen lassen Unternehmenstexte anonym klingen, unabhängig von der Anrede.
- Steht auf deiner wichtigsten Seite öfter „wir" als „du", schreibt sie über sich statt über den Leser.
Eine Entscheidung, die selten getroffen wird
Auf den meisten Unternehmenswebsites steht auf der Startseite „Sie“, im Blog „du“ und im Formular „Ihr Name“. Das ist kein Konzept, sondern das Ergebnis davon, dass verschiedene Menschen zu verschiedenen Zeiten geschrieben haben.
Auffallen tut es kaum jemandem bewusst – wirken tut es trotzdem. Ein Text, der die Ansprache wechselt, liest sich wie ein Haus, in dem jeder Raum von einem anderen Architekten stammt.
Du oder Sie
Es gibt keine richtige Antwort, nur eine passende. Was tatsächlich hilft, sind die Kriterien:
| Eher „du“ | Eher „Sie“ |
|---|---|
| Kleines Team, Person im Vordergrund | Größeres Unternehmen, Team im Vordergrund |
| Zielgruppe unter 45, digitalaffin | Klassische Branchen, konservatives Umfeld |
| Handwerk, Kreativ, Software, Beratung mit Inhaberprägung | Recht, Steuern, Medizin, Finanzen, Industrie |
| Du duzt deine Kunden auch am Telefon | Erstkontakt ist förmlich |
| Ratgeber, Community, Kurse | Ausschreibungen, Behörden, Konzernkunden |
Die vierte Zeile ist die brauchbarste Probe. Schreib so, wie du im Erstgespräch sprichst. Wer seine Kunden duzt und auf der Website siezt, erzeugt beim ersten Telefonat einen Bruch – und umgekehrt.
Ein verbreiteter Irrtum: „Du“ wirkt nicht automatisch unprofessionell und „Sie“ nicht automatisch distanziert. Entscheidend ist, ob die Ansprache zu allem anderen passt.
Der teuerste Fehler ist nicht die Wahl
Sondern die Inkonsequenz. Konkret sind das die Stellen, die bei einer Umstellung fast immer vergessen werden:
- Formularfelder und Platzhalter – „Ihr Name“, „Ihre Nachricht“
- Knopfbeschriftungen – „Jetzt Ihr Angebot anfordern“
- Bestätigungs- und Fehlermeldungen
- Automatische E-Mails aus Formular, Newsletter und Terminbuchung
- Cookie-Banner – meist Standardtext des Plugins
- Bildunterschriften und Alt-Texte
- Datenschutzerklärung und Impressum – hier ist „Sie“ auch bei Du-Websites üblich und in Ordnung
- Die 404-Seite – klassisch vergessen
Die vierte Zeile ist die folgenreichste, weil sie im entscheidenden Moment greift: Jemand hat gerade angefragt und bekommt eine Bestätigungsmail in einer anderen Ansprache als die Seite, auf der er eben war.
Wichtiger als du oder Sie
Die Ansprache ist die sichtbarste Entscheidung und nicht die wirksamste. Drei Dinge wirken mehr:
Aktiv statt passiv
„Die Analyse wird durchgeführt“ hat keinen Handelnden. „Wir prüfen deine Website“ hat einen. Passivkonstruktionen sind der häufigste Grund, warum Unternehmenstexte anonym klingen – unabhängig von der Anrede.
Konkret statt allgemein
„Ganzheitliche Lösungen für Ihren digitalen Erfolg“ lässt sich nicht widerlegen und sagt deshalb nichts. „Wir bringen deine Leistungsseiten auf Seite eins“ ist überprüfbar – und damit ein Versprechen.
Die Perspektive des Lesers
Der häufigste Aufbau ist: Wir sind, wir können, wir bieten. Der wirksamere: Du hast dieses Problem, so löst man es, das übernehmen wir davon.
Eine einfache Zählung macht das sichtbar: Wie oft steht „wir“ auf deiner wichtigsten Seite, wie oft „du“ oder „Sie“? Wenn das Verhältnis deutlich zugunsten von „wir“ ausfällt, schreibt die Seite über sich statt über den Leser. Siehe Leistungsseiten.
Fachbegriffe
Eine Abwägung, die in beide Richtungen schiefgehen kann.
Zu viele Fachbegriffe schließen Leser aus, die entscheiden, aber nicht vom Fach sind – im B2B typischerweise die Geschäftsführung.
Zu wenige lassen dich unwissend wirken gegenüber denen, die vom Fach sind – im B2B typischerweise die Abteilung, die dich empfiehlt.
Die Lösung ist keine Entscheidung, sondern eine Technik: Fachbegriff verwenden und beim ersten Auftreten in einem Halbsatz erklären. Das bedient beide Leser und macht den Text zugleich zitierfähiger, weil die Definition mitgeliefert wird. Siehe Textstruktur.
Gendern
Eine Frage, die polarisiert und die jedes Unternehmen für sich beantwortet. Was sich sachlich sagen lässt:
- Sonderzeichen wie Stern oder Doppelpunkt werden von manchen Screenreadern unterschiedlich vorgelesen. Wer Barrierefreiheit ernst nimmt, sollte das mitdenken.
- Neutrale Formulierungen lösen das Problem oft ohne Sonderzeichen: „das Team“ statt „die Mitarbeiter“, „wer sich bewirbt“ statt „Bewerber“.
- Konsequenz zählt auch hier mehr als die gewählte Form.
Eine SEO-Dimension gibt es kaum: Suchbegriffe werden ohnehin meist in der kurzen Form eingegeben, und die sollte im Text vorkommen – was neutrale Formulierungen problemlos zulassen.
Eine Stilanweisung auf einer Seite
Was in der Praxis verhindert, dass es wieder auseinanderläuft, ist kein Leitfaden, sondern eine Seite, die jeder liest, der etwas schreibt:
So schreiben wir
Anrede: du, klein geschrieben. Ausnahme: Impressum und Datenschutz.
Wir sagen: Anfrage, Erstgespräch, Sichtbarkeit.
Wir sagen nicht: Lösung, ganzheitlich, innovativ, maßgeschneidert.
Aktiv schreiben. Kein „wird durchgeführt“.
Zahlen mit Quelle oder gar nicht.
Fachbegriffe: verwenden und beim ersten Mal in einem Halbsatz erklären.
Absätze: höchstens vier Sätze.
Die Liste der Wörter, die nicht vorkommen, ist dabei oft wirksamer als alle Regeln darüber.
Fazit
Ob du oder Sie, entscheidet die Frage, wie du im Erstgespräch sprichst – nicht, was professioneller klingt. Beides funktioniert, solange es überall durchgehalten wird, bis in die automatische Bestätigungsmail.
Und die wirksamere Arbeit liegt ohnehin woanders: aktiv statt passiv, konkret statt allgemein, und aus der Perspektive dessen, der ein Problem hat. Eine Seite, auf der „wir“ öfter steht als „du“, hat ein größeres Problem als eine falsche Anrede.
Häufige Fragen
Entscheidend ist, wie du im Erstgespräch sprichst. Wer seine Kunden duzt und auf der Website siezt, erzeugt beim ersten Telefonat einen Bruch. „Du" wirkt nicht automatisch unprofessionell und „Sie" nicht automatisch distanziert.
Formularfelder und Platzhalter, Knopfbeschriftungen, Fehler- und Bestätigungsmeldungen, automatische E-Mails, das Cookie-Banner, Bildunterschriften und die 404-Seite. Am folgenreichsten sind die automatischen E-Mails, weil sie im Entscheidungsmoment greifen.
Die Frage ist falsch gestellt. Verwende den Fachbegriff und erkläre ihn beim ersten Auftreten in einem Halbsatz. Das bedient die Fachleser und die Entscheider zugleich – und macht den Text zitierfähiger, weil die Definition mitgeliefert wird.
Das entscheidet jedes Unternehmen für sich. Sachlich relevant ist nur: Sonderzeichen werden von manchen Screenreadern unterschiedlich vorgelesen, und neutrale Formulierungen lösen das Problem meist ohne sie. Eine nennenswerte SEO-Dimension gibt es nicht.
Quellen
- W3C: Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) 2.1 (abgerufen am 23.09.2026)
- Google Search Central: Creating helpful, reliable, people-first content (abgerufen am 23.09.2026)
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